Juli/August 2026

Kungsleden

Zwei Wochen auf dem Königsweg von Abisko nach Kvikkjokk

Vorbereitung

Der Kungsleden (zu Deutsch “Königsweg”) ist ein etwa 450 Kilometer langer Wanderweg im Norden Schwedens. In den zwei Wochen Urlaub, die wir zur Verfügung haben, wird sich das nicht komplett bewältigen lassen. Wir nehmen uns vor, etwa die Hälfte zu laufen. Allerdings ist schon die Planung nicht ganz einfach, denn man kann nicht beliebig auf der Strecke ein- oder aussteigen. Es gibt am Weg nur wenige Dörfer, geschweige denn Straßen. Grob gesagt gibt es etwa alle 100 Kilometer Zugang zu einer Straße und damit zu einem Bus, der einen wieder in die Zivilisation befördern kann. Wenn man also nicht unbegrenzt Zeit und Geld hat und einen Flug im Voraus buchen will, muss man sich recht sicher sein, dass man die geplante Strecke auch bewältigt bekommt und optimalerweise nicht eine Woche zu früh am Ziel ist. Wir entscheiden uns, von Norden nach Süden zu wandern, da der nördliche Teil gemeinhin als der schönere betrachtet wird und der südliche Teil zu größeren Teilen aus Sumpf und Wald besteht, ideal für Stechmücken.

Da es nur sehr begrenzte Möglichkeiten am Kungsleden gibt, muss alle Ausrüstung inklusive Nahrung mit in den Rucksack. Steve besitzt bereits ein Drei-Personen-Zelt. Da die Temperaturen im Sommer schon mal auf den Nullpunkt sinken können, braucht es aber noch passende Isomatten und Schlafsäcke. Damit hat man bereits einiges an Gewicht im Rucksack. Auch Campingkocher und Nahrung für zwei Wochen machen einiges an Gewicht aus. Wer mal ein paar Kilometer mit schwerem Rucksack gewandert ist, weiß, dass jedes Gramm zählt. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Auswahl, was nun mitkommen darf, und wo man zu Gunsten von Gewicht auf Komfort verzichtet. Unser Ziel sind 15 Kilo pro Person, was nach diversen Decathlon-Besuchen und Tests dann auch klappt.

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Zur Vorbereitung wandern wir mit unseren riesigen Rucksäcken auf dem 66-Seen-Weg in Brandenburg. Meistens am Wochenende, ein paar Mal inklusive Übernachtung auf dem Campingplatz. Die Narben der Insektenstiche aus Brandenburg begleiten mich noch auf den Kungsleden.

Kiruna

Über Stockholm fliegen wir nach Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens. Sie entstand als Siedlung um ein Eisenerzbergwerk. Um weitere Vorkommen abzubauen, wird die Stadt gerade um 5 Kilometer nach Osten verlegt - Wahnsinn. Im Flughafen heben wir jeweils 2000 schwedische Kronen ab (ca. 190 €), da ohne Internet oder Mobilfunknetz teilweise nicht per Kreditkarte bezahlt werden kann, wie überall sonst in Schweden.

Wir kommen im “Scandic” unter und schieben uns nochmal eine fette Pizza rein, bevor es dann auf dem Trail jeden Tag die gleiche Trockennahrung gibt.

Es regnet und es ist kalt. Ich frage mich, ob der Trip so eine gute Idee war und versuche nicht an Strände, Hotels, oder Restaurants zu denken.

Abisko / Abiskojaure

Im Bus am Morgen treffen wir zwei deutsche Frauen in unserem Alter und tauschen uns über geplante Kilometer pro Tag, Packlisten und Essen aus, bis wir nach etwa einer Stunde in Abisko ankommen, wo die Wanderung beginnt. Die STF (schwedische Touristenorganisation) betreibt hier ihre größte Hütte mit angeschlossenem Shop, wo wir Gas für unseren Kocher kaufen, das nicht mit ins Flugzeug durfte. Wir haben außerdem ein Paket mit Nachschub dabei, das wir an die nächste Hütte mit Straßenanschluss verschicken wollen, um nach ca. 130 Kilometern unsere Nahrungs- und Klopapier-Vorräte aufzustocken. Da es so hoch im Norden keine Post gibt, werden Pakete in den normalen Bussen des Personenverkehrs transportiert und für eine “kleine Gebühr” in den Hütten aufbewahrt, sofern diese an einer Straße liegen. Das System ist leider unglaublich kompliziert und kann nur vor Ort von jemandem mit schwedischem Pass benutzt werden. Im Internet stand, das Personal in Abisko würde dies für einen erledigen. Doch leider wird die Hütte in Saltoluokta nur Donnerstag und Montag beliefert. Wenn wir also Pech haben, müssten wir dort mehrere Tage auf unser Paket warten, was unseren Zeitplan unmöglich machen würde. Nach einiger Diskussion mit Steve habe ich nun fünf Kilo mehr im Rucksack als geplant. Draußen kann man die Rucksäcke wiegen, und wir kommen auf > 20 Kilo. Wird schon gehen. Die Frauen aus dem Bus (“die Girls”) bringen es allerdings auf 23 Kilo. Sie sind deutlich kleiner als wir, und ich versuche mir meine Zweifel nicht anmerken zu lassen. Sie haben allerdings für unsere Strecke eine Woche mehr Zeit eingeplant - schlau.

Nach einigen Fotos im ikonischen “Tunnel”, welcher in keinem Reisebericht oder Youtube-Video fehlen darf, gehen Steve und ich endlich los, immer der roten Farbmarkierung des Kungsleden folgend. Das Zeitfenster für Wanderungen ist von Juni bis September, außerhalb davon braucht man Ski. Die Winterversion des Kungsleden ist mit roten Kreuzen markiert und verläuft in Teilen parallel, führt aber über im Winter zugefrorene Gewässer und ist unter der bis zu zwei Meter hohen Schneedecke dann auch von Schneemobilen befahrbar.

Das Wetter ist im Gegensatz zu Kiruna super - die Sonne strahlt und es hat 14 Grad! Hier am Anfang des Kungsleden ist der Weg noch sehr gut ausgebaut und gut besucht. Beides wird noch drastisch abnehmen, je weiter man wandert. Nach fünf Kilometern durch den Nationalpark kommen wir an einen offiziellen Zeltplatz und machen eine kurze Pause mit Proteinriegeln und füllen unsere Wasserflaschen am Fluss auf. Praktischerweise muss man auf dem Kungsleden keine großen Mengen Wasser schleppen, da es überall kleine Bäche oder Flüsse gibt.

Nach 13 Kilometern erreichen wir die erste Hütte auf dem Weg: Abiskojaure. Draußen sitzen fröhliche Menschen an Holztischen. Wir holen uns eine Cola im Shop und bleiben eine Stunde, um die Füße auszuruhen und die Hände mit Mückenabwehr zu beschäftigen. Wir sehen eine Wandergruppe, die drei Dackel dabei hat. Wir fragen uns, wie die kurzen Dackelbeine mit den ganzen Steinen auf dem Weg klarkommen.

Der erste Teil des Kungsleden befindet sich noch in einem Nationalpark, in dem man nicht überall zelten darf (sonst ist Wild campen in Schweden überall erlaubt). Wir entschließen uns, noch ein paar Kilometer zu gehen und nach der Grenze des Nationalparks an einem Fluss unser Zelt aufzuschlagen. Die Gegend ist als Zeltmöglichkeit gekennzeichnet und entsprechend gut besucht, es gibt sogar ein Plumpsklo. Am späteren Abend verjagen wir erst die Frösche aus unserem Zelt und waschen uns dann am Fluss. Wir waschen auch Unterwäsche und T-Shirt des Tages mit unserer Bio-abbaubaren Seife. Wir haben beide drei Garnituren Unterwäsche, zwei T-Shirts und nur eine Wanderhose - Gewicht und so. Geblendet vom schönen Wetter denken wir zu dem Zeitpunkt noch, wir würden uns jeden Tag waschen und immer “frische” Kleidung haben.

Distanz
17.64km
Aufstieg
267m
Abstieg
91m
Etappe · 17.64km
369 m Aufstieg 247 m · Abstieg 69 m 555 m

Alesjaure

Am Vorabend haben zwei Frauen (natürlich Deutsche) ihr winziges Zelt neben uns aufgebaut, in dem genau diese zwei Frauen auf den Millimeter Platz haben. Wir nennen sie “die Beates”, weil die eine Beate heißt, und beide optisch nicht voneinander zu unterscheiden sind. Uns beschleicht das Gefühl, dass beide nicht unbedingt für so einen Outdoor-Trip gemacht sind. Wir sind bereits gegen 6 Uhr wach - es wird sich herausstellen, dass das einfach der Kungsleden Rhythmus ist. Da die Sonne nicht untergeht, ist es eh den ganzen Tag und die ganze Nacht hell - gut, dass wir unsere Schlafbrillen dabei haben. Die Beates wollen sich super früh auf den Weg machen, da sie gehört haben, es soll regnen. Während wir unser Frühstück einnehmen, sind sie auch schon mit ihrem Zelt beschäftigt. Nachdem wir Zähne geputzt, unsere Wäsche abgehängt, das Zelt abgebaut, die Rucksäcke gepackt und Zeit vertrödelt haben, sind die Beates immer noch mit ihrem Zelt beschäftigt und es steht eigentlich immer noch genauso da wie vorher. Wir hängen also unsere noch etwas feuchte Wäsche an die Rucksäcke und machen uns lieber auf den Weg.

Auf dem Kungsleden dreht sich alles um Abschnitte, die sich aus den Hütten der STF ergeben. In der “Literatur” wird dabei oft ein Abschnitt für einen Tag vorgesehen. Allerdings variieren die Abschnitte stark in Länge und Schwierigkeit. Für unseren Plan reicht ein Abschnitt pro Tag nicht aus, wir rechneten mit ca. 20 Kilometern am Tag und haben dann zwei Puffertage draufgeschlagen. Allerdings haben wir unterschätzt, dass der Kungsleden kein Waldweg in Brandenburg ist, sondern zum großen Teil steinig, so dass es sehr anstrengend für die Füße wird und man nicht schnell laufen kann. Anstatt unserer normalen 4,5 km/h sind wir hier oft nur mit 3 km/h unterwegs. Wenn man über endlose Geröllhänge, durch Flüsse, Schlamm oder Felsen muss, hält einen das zusätzlich auf. Obwohl größtenteils flach, durchwandert man Tal für Tal, was oft bedeutet, es geht absurd steil nach oben, dann kommt ein Plateau und dann geht es absurd steil wieder runter.

Typischer Kungsleden Pfad

Wir kommen auf dem Weg an einer Bootsanlegestelle vorbei nahe eines samischen Dorfes. Die Samen sind die Ureinwohner:innen, die hier vor allem Rentierzucht betreiben. Zu festgelegten Uhrzeiten kann man sich mit dem Motorboot über den See direkt zur Alesjaure-Hütte fahren lassen. Wir laufen zu Fuß weiter und es beginnt zu regnen. So viel zum Trocknen der Wäsche. Naja, wir ziehen die Regenjacken an und weiter geht’s. Wir wechseln auf die Regenponchos. Nach etwa 18 Kilometern und Aufstieg durch einen Schlamm-Hang kommen wir bei der Alesjaure-Hütte an. Der Regen wird stärker. Und stärker. Alles ist nass, Wasser tritt in die Schuhe ein. Die Stimmung ist - sagen wir mal - etwas getrübt.

Den Bildern nach könnte man denken, es hat eigentlich gar nicht so wirklich geregnet, das liegt vor allem daran, dass bei richtigem Regen keiner Bilder gemacht hat…

Die Hütten auf dem Weg haben wie auf der Karte ausgezeichnet unterschiedliche Ausstattung. Einige haben eine “Butik”, in der man Trockennahrung, Schokolade und andere nützliche Dinge kaufen kann. Die Auswahl ist allerdings beschränkt, da die Hütten nur einmal im Jahr per Schneemobil beliefert werden können. Natürlich kann man dank Starlink und Solarpanel mit Kreditkarte bezahlen. Das Personal besteht aus Freiwilligen, die jeweils für einen Monat im Sommer die Hütten besetzen und selbst hin- und zurück wandern müssen, denn ohne Schnee sind Hütten nur zu Fuß oder per Helikopter erreichbar. Wir entledigen uns kompliziert der Schuhe, des Ponchos und Rucksacks, um den Shop betreten zu dürfen. Wir kaufen eine Cola und “Kex”, ein geniales Gebäck mit Schokoüberzug, das Manner-Schnitten komplett in den Schatten stellt. Allerdings stellen wir zum ersten Mal fest, dass man, ohne zahlender Übernachtungsgast zu sein, statt einfach nur im Regen zu stehen, jetzt eben neben einer Hütte im Regen steht. Es gibt keine Unterstellmöglichkeiten, und man darf in die Hütten selbst nicht rein. Wir stehen also im kalten Regen, trinken unsere Cola und überlegen, ob wir weitergehen sollen. Die im Shop ausliegende Wettervorhersage gibt für den Abend 27 Liter pro Quadratmeter an. Wir schauen zu, wie der Regen immer stärker wird.

In den Hütten kann man für einen kleinen Beitrag von 60 € pro Person übernachten. Allerdings gibt es keine Bettwäsche, 8er-Zimmer, kein fließendes Wasser, keine Heizung und keinen Strom. Toiletten sind Plumpsklos oder “Trenntoiletten”. Außerdem wird erwartet, dass man Wasser holt oder Holz hackt. Es gibt auch die Möglichkeit, sein Zelt im reservierten Bereich um die Hütte aufzuschlagen. Auch das kostet, aber man kann das “Servicegebäude” benutzen, dort kann man sitzen, kochen und es gibt meistens einen Trockenraum. Hier trifft man dann auch andere Wanderer.

Nach ausgiebiger Diskussion und Verfluchung der Umstände entscheiden wir uns, direkt am zweiten Tag in der Hütte zu bleiben. Eigentlich hat die Hütte eine kombinierte Kapazität von Betten und Zeltplätzen von 100 Personen, wegen des Wetters sind es aber nun 160. Wir ergattern den letzten Platz in einem Bett in der Sicherheitshütte, die für Notfälle gedacht ist, das müssen wir uns allerdings teilen. In der Rezeptions- und Shophütte werden Lager auf dem Boden aufgebaut.

Wir schlagen die Zeit im Servicegebäude tot, wo wir auch unsere Wäsche und Schuhe in den Trockenraum stellen. Das geteilte Leid mit anderen hellt die Stimmung etwas auf. Auch die Beates kommen einige Stunden nach uns an, sie haben das Boot genommen und sehen nicht so glücklich aus.

Da wir die 120 € für unser geteiltes Bett investiert haben, dürfen wir auch die holzbefeuerte Sauna benutzen. Einige der Hütten haben eine Sauna (Bastu), die auch für persönliche Hygiene gedacht ist: Es gibt einen Vorraum, wo man sich heißes Wasser aus der Sauna nehmen kann, um sich zu waschen. In der schwedischen Bastu wird alles etwas lockerer gesehen als in der Sauna in Spießerhausen, man kann auch mal ein Bier mit in die Sauna nehmen oder das Holz berühren. Zur Abkühlung nimmt man den Fluss draußen. Dazu muss man allerdings einen Abhang hinunter, der nur noch aus Matsch besteht, und wir fallen eher runter, bis wir in den eiskalten Fluss aus Gletscherwasser tauchen. Es ist ganz witzig, aus dem Saunafenster den Leuten zuzuschauen, wie sie auf die Schnauze fallen. Am Ende kommt einer der “Stugvärds” hinzu und bringt selbst gebackene Zimtschnecken mit! Gestärkt und aufgewärmt ist der Regen schon gar nicht mehr so schlimm. Ein wikingerhafter Schwede erzählt, dass er gerade das “grüne Band” macht und seit 50 Tagen im Zelt unterwegs ist. Die ersten 30 Tage hat es ausschließlich geregnet.

Distanz
18.2km
Aufstieg
853m
Abstieg
623m
Etappe · 18.2km
545 m Aufstieg 852 m · Abstieg 624 m 807 m

Tjäktja / Sälka

Nach der Nacht in der Hütte machen wir uns früh auf. Wir treffen die Girls bei ihrem Zelt, die am Vortag spät eingetroffen sind und erstaunlicherweise ziemlich gute Laune haben, obwohl die Sonne weg ist und es regnet. Weder die Beates noch die Girls werden wir nochmal sehen. Unsere Schuhe und Wäsche sind durch den Trockenraum leidlich trocken, aber das ist bald wieder Geschichte.

In diesem Abschnitt geht es oft durch Flüsse, die wir durchwaten müssen. Steve stellt seine Schuhauswahl in Frage, da die Trailrunner-Schuhe nicht wasserdicht sind. Wir haben ein Paar Wanderstöcke dabei, gerade auch um mehr Stabilität bei der Flussüberquerung zu haben. Beim ersten Mal haben wir das nicht im Kopf und Steve fällt direkt in den Fluss. Was durch den Regen noch nicht nass war, ist es jetzt. Zur Belohnung macht Steve auch noch Bekanntschaft mit einer Wespe, die ihm ins Gesicht sticht.

Die Flüsse halten schon ziemlich auf: Schuhe aus, Socken aus, Poncho aus um Wanderstöcke aus Rucksack zu holen, Waten, nasse Socken irgendwie wieder über nasse Füße anziehen, Schuhe anziehen, Poncho anziehen, …

Wir nehmen uns vor, die Tjäktja-Hütte links liegen zu lassen und es heute mindestens über den Tjäktja-Pass zu schaffen. Wir haben etwas Respekt vor dem Pass, da der Aufstieg oft als schwierig beschrieben wird und es auf der mit 1100 Metern über Meeresspiegel höchsten Stelle des Kungsleden ziemlich kalt und windig werden kann. Es stellt sich heraus, dass es zwar anstrengend ist, über das Geröll zu steigen, aber nicht unmöglich. Auf dem Weg begegnet uns ein Schwede in kurzer Hose und T-Shirt. Oben gibt es eine Notfall-Hütte, diese wurden aufgestellt, nachdem vor vielen Jahren sechs Menschen auf dem Trail erfroren sind. Man kann drinnen auf Holzbänken übernachten und es gibt einen Holzofen. Wir kochen draußen Tee und schauen einer französischen Familie zu, wie sie ihr Zelt in der Arschkälte am Hang aufbauen. Viel Spaß.

Wir wollen noch möglichst weit in Richtung Sälka-Hütte und gehen weiter. Es hört kurz auf zu regnen und etwa fünf Kilometer vor Sälka finden wir einen geeigneten Zeltplatz bei einem See. Es gibt Schwärme von Mücken. Wir setzen unsere lustigen Mücken-Hüte auf und bauen im beginnenden Regen das Zelt auf. Steve ist sowas wie Wolken-Experte geworden und hat den Regen vorausgesagt. Man beschäftigt sich hier viel mit Wetter, jedes Tal hat sein eigenes Wetter, das super schnell umschlagen kann. Im Regen gehen wir zum See, um uns zu waschen. Einer wäscht sich, der andere schwingt das Handtuch um die ganzen Stechmücken abzuwehren. Das Wasser ist ein bisschen kalt, und nach dem ganzen Regen/Wind und fallenden Temperaturen klappern Steve die Zähne. Wir ziehen schnell unser Schlafoutfit an (Leggings, trockenere Socken), machen Kniebeugen und Hampelmänner, um etwas warm zu werden, bevor wir in den Schlafsack kriechen und dem Regen zuhören.

Distanz
23.7km
Aufstieg
468m
Abstieg
539m
Etappe · 23.7km
783 m Aufstieg 446 m · Abstieg 419 m 1114 m

Sälka / Singi

Wir bauen das Zelt im Regen ab und weiter geht’s die letzten Kilometer in Richtung Sälka-Hütte, an die ich keine Erinnerungen habe. Steve sagt, wir haben im Regen stehend unsere Proteinriegel gegessen und sind direkt weiter gestürmt Richtung Singi.

An einer Kuoperjåkka Raststuga, einer Notfall-Hütte, machen wir kurz Rast um unser Frühstück zuzubereiten. Wir nehmen es mit in die Schutzhütte, wo wir auf zwei Deutsche (natürlich) treffen. Sie haben ihren Hund dabei, der gerne unser Essen hätte. Moritz bietet uns ein Stück Knäckebrot mit Käsecreme aus der Tube an. Die Käsecreme ist in Schweden wohl ein Ding und ist auch mit integriertem Schinken, Salami oder Meeresfrüchten erhältlich. Ich muss meinen Brechreiz unterdrücken während Steve fröhlich losmampft und sich vornimmt, in der nächsten Stuga-Butik Knäckebrot zu kaufen. Der Hund schläft bei den Leuten im Zelt und hat einen eigenen Hunderucksack mit Hundefutter dabei.

In Singi gibt es kostenlos Preiselbeer-Limonade. Nicht schlecht! Die Hütte hat ansonsten aber keinerlei “Features”. Der Stugvärd verkauft mir mein “Badge”, einen Stoffaufnäher, den es an jeder Hütte mit individuellem Muster gibt. Er sagt, das Wetter sieht OK aus und es wird vermutlich aufhören zu regnen. Er hat Unrecht.

Zum ersten Mal kreuzen Rentiere unseren Weg. Ein Grund die Kameras auch mal bei Regen rauszuholen.

Nach Singi wird es wirklich leer auf dem Kungsleden. Viele verlassen den Weg in Singi, um weiter Richtung Nikkaluokta zu gehen, um dort ihre Tour zu beenden oder den Kebnekaise, Schwedens höchsten Berg, zu besteigen. Wir hoffen, dass die Beates ihr Ziel dort erreichen werden. Später treffen wir auch jemanden, der sich den Aufstieg auf den Kebnekaise gegeben hat und mit der Aussicht auf die fünf Meter direkt vor ihm im Nebel belohnt wurde.

Unser ursprünglicher Plan sah vor, am Freitag in Saltoluokta anzukommen, es ist aber schon Mittwoch und wir beißen schon in unsere Puffertage. Wir wollen noch möglichst weit über Singi hinauskommen und bauen das nasse Zelt im leichten Regen zwischen Singi und Kaitumjaure auf. Diesmal wärmen wir Wasser mit dem Kocher auf und nutzen es für eine kurze Katzenwäsche. Wir haben sowieso keine trockenen Kleider mehr, die Wanderhosen stehen durch den ganzen Matsch und Rentierkacke von alleine.

Wie jeden Abend gibt es unser Tütenessen, welches Steve portionsweise in Ziplock-Tüten abgefüllt hat. Jede Tüte besteht aus Couscous, Nudeln, gefriergetrocknetem Gemüse, Sojachunks und verschiedenen Gewürzmischungen. In die Tüte kommt nur noch heißes Wasser, paar Minuten warten und dann direkt aus der Tüte essen. Das Frühstück besteht immer aus Porridge und “Rührei” nach demselben Prinzip. Zwischenmahlzeiten sind Proteinriegel und Jerky. Das Problem sind die Kalorien im Verhältnis zum Gewicht. Man verbrennt ja so einiges, wenn man mit 20 Kilo zusätzlich auf dem Rücken den ganzen Tag wandert. Es ist praktisch unmöglich, so viele Kalorien mitzunehmen, deshalb gibt es oft Cola und Kex zusätzlich und ins Essen kommt noch Leinöl. Steve hat daraus eine Wissenschaft gemacht, hier unsere Rezepte und Berechnungen:

Trekkingfood.xlsxDownload
Distanz
21.8km
Aufstieg
307m
Abstieg
477m
Etappe · 21.8km
652 m Aufstieg 257 m · Abstieg 427 m 871 m

Kaitumjaure / Tesajaure

Ich habe ein bisschen Kleidung zum Trocknen über Nacht mit in den Schlafsack genommen, mit mäßigem Erfolg. Wir bauen das Zelt im Regen ab und machen uns direkt auf in Richtung Kaitumjaure. Wir haben das Frühstück wegen Unlust ausfallen lassen und trinken an der Hütte im Regen stehend eine Cola. Yay… Es ist mittlerweile einfach alles nass. In unseren Schuhen schwappt das Wasser. Ihr wollt euch nicht vorstellen, wie Füße nach drei Tagen in komplett nassen Schuhen und Socken aussehen… Aber immerhin hat Kaitumjaure einen wirklich schönen See, der angeblich bei unterschiedlichem Wetter unterschiedliche Farben annimmt. Für so 5 Minuten schaut sogar die Sonne kurz durch.

Wir beeilen uns nach Tesajaure, dort müssen wir durch einen größeren Fluss per Boot. Der Plan ist, die Überquerung heute noch zu machen und am anderen Ufer das Zelt aufzuschlagen. Der Abstieg nach Tesajaure ist ziemlich brutal und im Wald kommen natürlich die Mücken. Mich kegelt es einmal ins Gebüsch und mit dem riesigen Rucksack liege ich wie ein Käfer hilflos auf dem Rücken.

In Tesajaure frage ich die Stugvärdin, ob es schwer ist, mit dem Ruderboot den Fluss zu überqueren. Sie sagt, sie würde es nicht empfehlen, wenn man noch nie gerudert ist, weil die Strömung recht stark ist. Wir haben schon Horrorstorys gehört, wie Leute abgetrieben sind und dann gerettet werden mussten. Wir entscheiden uns für das Motorboot. Nach kurzem Platzregen werden wir rübergefahren.

Es gibt wie erwartet direkt am Ufer keine Zeltplätze, und wir haben sowieso vor, den Aufstieg noch zu machen, den zweiten an diesem Tag. Oben gibt es jede Menge Rentiere. Zwei Entgegenkommende sagen uns, der Fluss vor uns sei nicht passierbar, wegen dem ganzen Regenwasser. Wir laufen einen Umweg, um ihn über eine abseits gelegene Metallbrücke zu passieren. Zwei andere schlagen dort ihren Zeltplatz auf. Das war schlau von ihnen, denn vor uns erstreckt sich nun ein nicht enden wollendes Plateau mit null Zeltplätzen, überall nur Steine und Sumpf. Wir klettern über Felsen und Felsen, es zieht sich eeeewig. Wir laufen bis spät in den Abend hinein und setzen unser Zelt auf den ersten halbwegs geeigneten Platz. Mittlerweile sind wir immerhin recht geübt im Zelt Auf- und Abbau. Zu dem Zeitpunkt sind wir 12 Stunden am Stück und 34 Kilometer gelaufen. Wir haben nun wirklich gar keinen Bock, uns zu waschen und außerdem haben wir nur noch nasse, stinkende, ekelhafte Kleidung. Mit der Aussicht, am nächsten Tag nur ein paar Kilometer laufen zu müssen und den Rest in einer “Mountain Cabin” zu verbringen, geht es ins Bett (Schlafsack). Die Mountain Cabin ist der erste Meilenstein und hat durch Straßennähe hoffentlich eine Dusche.

Distanz
34.4km
Aufstieg
877m
Abstieg
915m
Etappe · 34.4km
504 m Aufstieg 827 m · Abstieg 864 m 934 m

Vakkotavare / Saltoluokta

Wir stehen ewig früh auf, um die restlichen Kilometer steil bergab nach Vakkotavare zu machen. Dort fährt um 9 Uhr ein Bus, um die 30 Kilometer Straße zu überbrücken, bis es mit dem Kungsleden weitergeht. Das Wetter meint es gut mit uns.

Wir erreichen den Bus rechtzeitig und können sogar unseren ganzen Müll loswerden. Im Bus packe ich meinen MP3-Player aus. Ich habe diverse Bücher auf dem E-Reader dabei, Hörbücher auf dem MP3 und natürlich Musik, weil ich wohl Angst hatte, dass mir langweilig wird… Bisher habe ich nichts davon benutzt. Wir machen kurz an einem Ausflugsrestaurant Halt. Die verkaufen Eis. Eis! Wahnsinn…

Mit der Fähre setzen wir über nach Saltoluokta, wo wir uns für den Tag eingebucht haben. Es gibt eine Dusche! Es fühlt sich unglaublich gut an, zu duschen. Wir waschen all unsere Kleidung mit der Seife in der Dusche. Es dauert ewig, bis das Wasser nicht mehr komplett braun ist. Wir packen den ganzen Kram in den Trockenraum und sind absolut begeistert. Die Sonne scheint. Am Empfang gibt es Preiselbeer-Limonade, im gut ausgestatteten Shop frische Äpfel und im gemütlichen Kaminraum Kaffee… Sogar Strom um das Handy zu laden! Der Shop hat echt alles, und da es Strom für einen Ofen gibt, kann man sogar Tiefkühlpizza kaufen. Wir holen uns eine Dose Köttbullar, die wir zusammen mit unserer Tütennahrung kochen, mit fließendem Wasser und einer richtigen Herdplatte in der Küche! Wir versorgen unsere Füße mit Blasenpflastern etc. und gammeln einfach rum. Es ist herrlich. Wir haben uns zum Abendessen angemeldet. Wir werden in unseren Leggings in das kleine Restaurant geführt. Es fühlt sich ein bisschen an wie im Film “Midsommar”. Alle essen gemeinsam, eine sehr schwedisch aussehende Frau weist uns unseren Platz zu, wir sind am Tisch mit zwei schwedischen Brüdern und einem Ehepaar aus Hamburg. Das Personal stellt sich in einer Reihe auf und stellt sich vor. Dann wird ein Gedicht vorgetragen und das Personal geleitet die Gäste nacheinander zum Salatbuffet. Das Essen ist großartig, es gibt Fisch und Gemüse. Danach noch eine Süßspeise und Kaffee. Sauber, satt und zufrieden fallen wir in die Betten.

Sitojaure

Nach einem Frühstücksbuffet (!!!) in der Mountain Lodge geht es gestärkt weiter, die Kleidung wurde trocken und sogar die Schuhe. Jemand wird vom Helikopter abgeholt.

Bei einer Pause kommt uns ein Schwede von Süden aus entgegen und wir quatschen kurz. Er erzählt uns, dass er seinen Kumpel besuchen will, der Freiwilliger in einer Hütte ist. Es stellt sich heraus, es handelt sich dabei um den Schweden in T-Shirt und kurzen Hosen, den wir am Pass getroffen haben. Nach knapp 20 Kilometern erreichen wir bei für Lappland-Verhältnisse brennender Hitze die Hütte. Wir sind pünktlich für das Übersetzen mit dem Motorboot. Das wird hier von der Familie Blind durchgeführt, deren Haus direkt am Fluss ist. Da wir so früh sind, setzen wir uns für eine halbe Stunde praktisch in deren Garten und trinken mit einer Tschechin Kaffee. Sie schenkt uns Kungsleden-Aufkleber, auf die sie Aragorns Schwert gemalt hat. Sie ist riesen Herr der Ringe Nerd. Was das allerdings mit dem Kungsleden zu tun hat, bleibt unklar. Vielleicht was mit Königen?

Die drei Kilometer mit dem Motorboot über den Fluss/See kosten umgerechnet 40 € pro Person, und gehen ziemlich schnell, da muss man schon aufpassen, dass einem nicht die Kappe oder das Lachen aus dem Gesicht geblasen wird. Neben “Herr der Ringe” ist noch eine Wuppertalerin mit im Boot. Die beiden wollen auf der anderen Seite im “Wald” ihr Zelt aufschlagen. Wir haben vor, noch bis zur Baumgrenze aufzusteigen, wo einen die Mücken nicht gleich auffressen.

Trotz Ruhetag finde ich den Aufstieg ziemlich schwer, ich merke auch deutlich die zwei riesigen Blasen an meinen Fersen und muss mich manchmal zwingen, den Fuß nochmal vor den anderen zu setzen.

Wir finden einen super Zeltplatz mit genialer Aussicht und bauen das Zelt auf, richten Isomatten und Schlafsäcke ein, unsere aufblasbaren Kissen und sonstige Schlafutensilien. Steve packt den Kocher aus, um Abendessen zu machen, da lässt auf einmal der Wind nach und wir werden von Insektenschwärmen überfallen. Nicht nur die normalen Mücken, sondern auch die winzigen Biester, die nicht stechen, sondern beißen. Auch mit Insektennetz und Jacken ist es nicht aushaltbar. Einzige Möglichkeit wäre, ohne Essen direkt ins Innenzelt zu flüchten und zu hoffen, dass nicht allzu viele der Drecksplagen es mit hinein schaffen. Wir entscheiden schließlich, den ganzen Kram wieder abzubauen und höher zu gehen. Es ist frustrierend. Bepackt mit dem so halb abgebauten Zelt und den anderen drei Tonnen Gepäck schleppen wir uns den unglaublich steilen Geröllhang hinauf, bis wir nach ca. 250 zusätzlichen Höhenmetern ganz oben bei 1090 Metern angekommen sind. Meine Füße (und meine Laune) sind kaputt. Es gibt keinen guten Zeltplatz, aber egal, wir knallen es einfach irgendwo hin. Das ganze Manöver hat uns sicher zwei Stunden gekostet. Wir essen im brausenden Wind, aber keine Insekten. Immerhin. Dafür ist alles von Rentieren bevölkert. Ich kann sie in der Nacht am Zelt hören während ich in meinem Schlafsack friere.

Die folgenden Strecken-Angaben sind nicht ganz korrekt, da Steve zu angepisst war, um beim unfreiwilligen zweiten Aufstieg das GPS mitlaufen zu lassen.

Distanz
27.4km
Aufstieg
699m
Abstieg
356m
Etappe · 27.4km
395 m Aufstieg 665 m · Abstieg 319 m 773 m

Aktse

Unsere heutige Strecke führt uns über den Berg Skierffe nach Aktse. Der Abstecher zum Skierffe ist nicht Teil des Kungsleden, aber bisher haben alle von der Aussicht geschwärmt. Wir gehen also einen unmarkierten Weg entlang, den jemand bei OsmAnd in die Karte eingetragen hat, um möglichst geschickt den Weg zum Skierffe hoch zu erreichen. Der Weg ist seltsam und wir haben mehrmals das Gefühl, in die völlig falsche Richtung zu laufen. Wir kommen an Schneefeldern vorbei. Steves Fitness-Tracker hat GPS und wir sehen später auf der Karte, dass wir einen Kreis in die Strecke eingebaut haben:

Wir kommen schließlich an der Abzweigung zum Skierffe an und verstecken unsere Rucksäcke hinter einem Stein, um sie nicht mit hochschleppen zu müssen, wir müssen sowieso hier wieder auf den Kungsleden zurück.

Der Weg auf den Skierffe ist noch beschwerlicher als sonst, aber lohnt sich total. Ich habe noch nie so eine geniale Aussicht gesehen. Die Bilder können das gar nicht einfangen. Wir nehmen oben unser Frühstück zu uns und bleiben eineinhalb Stunden. Nachdem wir eine Frau dabei beobachten, wie sie mit ihrer Mutter videotelefoniert, stellen wir erstaunt fest, dass es ausgerechnet hier oben Empfang gibt. Später erzählt uns jemand von der Stuga in Aktse, dass sie manchmal hochwandern, um die neuesten Netflix-Folgen aufs Handy zu laden.

Der Weg runter nach Aktse ist mal wieder extrem steil und meine Knie zittern, als wir endlich unten sind. Wir entschließen uns, die Zeltgebühr zu zahlen und an der Hütte zu campen, damit wir die Sauna zum Waschen benutzen können. Im Zeltservice zocken wir noch Karten bis in die Puppen (ok, bis 23 Uhr) in illustrer Runde. Hier lernen wir auch die “Luxemburger” kennen, die sich untereinander in einer lustigen Zwergensprache unterhalten.

Distanz
16.66km
Aufstieg
649m
Abstieg
1028m
Etappe · 16.66km
551 m Aufstieg 621 m · Abstieg 997 m 1185 m

Pårte

Am Morgen teilt uns “Finnish Guy”, den wir immer mal wieder getroffen haben, mit, dass seine Freundin Knieprobleme hat und für tausend Euro den Helikopter nimmt. Komischerweise haben wir die Frau noch nie gesehen, wir fragen uns, ob sie existiert.

Wir gehen zum einen Kilometer entfernten Bootsanleger, um das Motorboot über den Fluss zu nehmen. Da die Fahrt nur zwei Mal täglich stattfindet, komprimiert es sich hier etwas, und wir sind in der dritten Fuhre dran.

Man merkt, dass wir uns südwärts bewegen und der Weg immer tiefer liegt, wir gehen nur durch Birkenwald. Es sind nur ca. 20 Kilometer bis Pårte, aber irgendwie ist der Weg anstrengend und meine Füße machen mir zu schaffen. Vor allem bergauf werde ich immer langsamer. Die Blase auf der einen Seite ist mittlerweile eine nässende Wunde. Wir beschließen, unser Zelt schon vor der Hütte aufzuschlagen, direkt an einem Fluss im Wald. Das Mückenaufkommen ist stark, aber mit einem Liter Mückenspray auszuhalten.

Da es gar nicht so spät ist, lassen wir uns Zeit mit unserem Essen, waschen uns am Fluss und haben dann sogar noch Zeit, um im Zelt zu lesen.

Distanz
18.1km
Aufstieg
546m
Abstieg
484m
Etappe · 18.1km
492 m Aufstieg 513 m · Abstieg 449 m 861 m

Kvikkjokk

Wir brechen recht früh zum letzten Abschnitt auf. Ich betäube mich mit Ibus und versuche einigermaßen normal zu laufen. Beim Kauf des obligatorischen Badge unterhalten wir uns mit der Stugvärdin auf Deutsch, sie hat mal in Wien gewohnt. Ihr Hund ist ein bisschen aufdringlich, und sie erzählt uns, dass er immer kilometerweit mit den Leuten mitwandert und sie Angst hat, dass er irgendwann nicht mehr zurückkommt. An der Hütte treffen wir auch auf die Luxemburger, die gecheatet haben und im Hüttenbett übernachtet haben. Auf dem Weg überholen wir uns gegenseitig ungefähr hundert Mal, immer wenn jemand eine Pause macht.

Schließlich laufen wir nach über 200 Kilometern zu Fuß in unserem Ziel in Kvikkjokk ein. Nach kurzem Freudentanz kippen wir uns erstmal kühle Getränke mit Finnish Guy und den Luxemburgern rein. Finnish Guy stellt uns eine Frau vor, die sich als seine Freundin ausgibt.

Leider ist die Mountain Cabin in Kvikkjokk nicht auf dem Standard von Saltoluokta. Aber wir haben ein Bett und eine Dusche. Da die schon sehr unfreundliche Rezeption keinen Platz für uns beim Abendessen hatte (NO!!!), gibt es nochmal Tütenessen. Wir haben noch einiges übrig, zur Feier des Tages gibt es drei Tüten aus richtigen Tellern und Instant-Milchreis. Wir waschen nochmal unsere Wäsche im Waschbecken und hängen das Zelt zum Trocknen im Zimmer auf.

Wäsche waschen

Am Fake-Kaminfeuer lesen wir noch bei einer Runde Kex und freuen uns, dass wir am nächsten Tag nicht laufen müssen.

Distanz
20.4km
Aufstieg
286m
Abstieg
493m
Etappe · 20.4km
349 m Aufstieg 257 m · Abstieg 463 m 597 m

Post Kungsleden

Da wir einen Tag “zu früh” angekommen sind, buchen wir einen zusätzlichen Tag im Hotel in Stockholm. Dafür müssen wir aber erst mit dem Bus zwei Stunden nach Jokkmokk fahren. Dort schlagen wir mit den Luxemburgern Zeit im Samen-Museum tot.

Für uns geht es dann weiter mit dem Bus nach Boden. Der Busfahrer muss öfter mal anhalten, um Briefe auszutragen. In Boden ziehen wir uns einen fiesen Burger rein und besteigen den 400 € Nachtzug, der uns in 10 Stunden nach Stockholm bringt. Dort wird es dann nachts wieder dunkel, was ungewohnt ist. Wir stapfen in unserer Wanderklamotte durch Gamla Stan und ziehen uns zu Scam-Preisen jede Menge Essen rein. Wir versuchen, unsere ganzen restlichen Kronen loszuwerden, aber niemand will unser Bargeld haben. Alles riecht nach Waschmittel und Parfüm und die Menschenmassen sind krass, wenn man vorher zwei Wochen praktisch alleine war.

Am Flughafen treffen wir natürlich nochmal auf die Luxemburger, bevor wir Schweden verlassen und zusammen mit Berlins Ex-Bürgermeisterin im wahrsten Sinne des Wortes ins Chaos zurückkehren.

Fazit

Der Kungsleden ist nichts für Warmduscher. Ich fand es teilweise schon hart, aber eine echt gute Erfahrung. Die Füße haben mitgemacht, obwohl es bei mir am Ende grenzwertig war. Steve und ich sind uns nicht an die Gurgel gegangen, obwohl ich mir sicher bin, dass Steve mich für dieses “Geschenk” nicht nur einmal in Gedanken verflucht hat. Die Abwesenheit von Einflüssen wie Nachrichten, andere Menschen, Arbeit, … war für mich sehr entspannend. Es gibt sowieso keinen Empfang, aber ich hatte konsequent immer das Handy ausgeschaltet. Kann ich empfehlen. Praktisch die ganze Zeit draußen zu verbringen macht auch etwas mit einem, aber nach zwei Wochen freut man sich dann auch sehr auf die Vorzüge der modernen Zivilisation. Ich bin etwas unentschieden, ob ich sowas nochmal machen will - sicher nicht sofort, aber mit etwas Abstand kann ich mir das schon vorstellen.